KÜNSTLERINTERVIEW

Géraldine Honauer & Tizian Baldinger

Sie nennen sich »Géraldine et Tizian«, arbeiteten bis 2013 im Torfeld Süd in Aarau mit weiteren Künstlern in einer Ateliergemeinschaft und betrieben dort auch die Kulturinstitution »Bleifrei«. Zu den Referenzen des jungen Schweizer Künstler-Duos gehören zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland. Für ein Projektentwicklungsareal im Zentrum von Aarau entwickelten sie die Idee für einen Lichtbaum.

Sie haben die künstlerische Idee für den Lichtbaum geliefert. Ist das eine freie Arbeit?
Tizian: Nein, das ist eine Auftragsarbeit für den Projektentwickler Mobimo. Dem Unternehmen gehört das Areal, auf dem wir vier Jahre lang unser Atelier mit angegliederter Kulturinstitution hatten. In diesem ehemaligen Industriegebiet, Torfeld Süd, wird gerade ein riesiges urbanes Wohnprojekt realisiert; das Aeschbach Quartier. Mobimo hat unsere Arbeit immer interessiert verfolgt und auch Veranstaltungen in unseren Räumen durchgeführt. Im Zuge des Abbruchs der Bestandsgebäude haben sie uns gefragt, ob wir eine Idee für eine künstlerische Bespielung hätten.

Wie lauteten die Vorgaben?
Tizian: Es gab keinerlei Ideenrahmen. Das war total abgefahren. Wir waren völlig frei. Géraldine: Tizian und ich haben dann einige Wochen lang Ideen entwickelt. Fünf davon haben wir vorgestellt. In die Endphase kamen ein Lichtturm und der Lichtbaum. Der hat Mobimo am besten gefallen.

Welche Idee steckt dahinter?
Tizian: Mit der verständlichen Form eines Baums werden positive Begriffe wie Wachstum, Schutz und Verwurzelung assoziiert. Mit diesen positiven Eigenschaften wollen wir – in Verbindung mit Licht – ein Zeichen setzen, dass es auf dem Areal nicht bei der lichtarmen Phase bleibt, sondern dass hier nach den Abbrucharbeiten etwas Neues entsteht.
Géraldine: Jetzt ist es das einzige Licht auf dem Areal. Wenn es bebaut ist werden weitere Lichter leuchten und das fertige Quartier wird schließlich in einem Lichtermeer erstrahlen. Jetzt ist der Lichtbaum alleiniger Anziehungspunkt und am Schluss wird er ein markanter Teil im Lichtermeer sein.

Demnach ist die Installation nicht temporär?
Géraldine: Das war der ursprüngliche Gedanke. Aber während der Zusammenarbeit kristallisierte sich heraus, dass der Baum auf dem Areal verbleiben wird.

Wie ausgereift war Ihre Idee, als es an die Realisierung ging?
Tizian: Wir haben ein Modell gebaut und uns vorgestellt, mit welchen Materialien es umgesetzt werden könnte. Wir waren sehr überrascht, als uns Jörg Krewinkel von Lichtkompetenz später Bauzeichnungen vorlegte, die unseren Vorstellungen absolut entsprachen. Schon der erste Entwurf für die technische Umsetzung war perfekt. Und der realisierte Baum ist präzise und wunderschön ausgearbeitet.

Würden Sie mir etwas zu der Materialwahl sagen?
Géraldine: Es sind ausschließlich Baumaterialien. Aus der Beton-Basis wachsen verschieden dicke Stahlrohre. Bei den Leuchten handelt es sich um Leuchtstoffröhren, die meist in der Industriebeleuchtung eingesetzt werden. Wir wollten etwas Bodenständiges visualisieren und dem ehemaligen Industriegebiet eine Referenz erweisen. Deshalb war es uns auch wichtig, dass das Material Rost ansetzt.

Welche Reaktionen gibt es auf den Lichtbaum?
Tizian: Insbesondere im ersten halben Jahr ist der Baum sehr oft fotografiert worden. Autofahrer haben dafür extra angehalten. Die Reaktionen, die wir mitbekommen haben, sind sehr positiv und emotional.

Hat Sie diese Arbeit inspiriert, öfter Licht als Medium für Ihr künstlerisches Schaffen einzusetzen?
Géraldine: In dieser Größenordnung, in diesem professionellen Segment und bei der ausgezeichneten Zusammenarbeit: In jedem Fall.

Géraldine und Tizian, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Géraldine Honauer & Tizian Baldinger  ­
Bern, Zürich
Phone +41 79 382 25 07
info(at)geraldinetizian.com
www.geraldinetizian.com

INTERVIEW LICHTPLANER

Jörg Krewinkel & Lichtkompetenz

Mit seinem Team entwickelt Jörg Krewinkel in Zürich seit 2002 ideenreich Beleuchtungskonzepte für internationale, anspruchsvolle Projekte. Nach 25 Jahren Erfahrung in der Lichtbranche versteht sich der ehemalige Leistungssportler auf die dialogorientierte Analyse von Beleuchtungsanforderungen. Priorität genießt das Licht dabei immer als Medium. Anders bei der Konstruktion des Lichtbaums, der nicht nur Leuchtwirkung zeigt, sondern auch als haptischer Körper intensiv wahrgenommen wird.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Géraldine et Tizian?
Jörg Krewinkel: Ich bin von Frank Joss von Mobimo angesprochen worden. Die Künstler hatten für den Projektentwickler ein kleines Modell des Lichtbaums, der dann leuchten sollte, gefertigt. Sie brauchten einen erfahrenen Lichtexperten für die Umsetzung.

Standen Sie dann mit den Künstlern regelmäßig im Dialog?
Jörg Krewinkel: Wir haben uns bei einem ersten Treffen intensiv ausgetauscht, und aufgrund meiner langjährigen Erfahrung mit Licht wusste ich das Ansinnen zu deuten. Auf dieser Basis hat sich mein Unternehmen mit der technischen Umsetzung beschäftigt.

Hatten Sie zuvor schon Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Künstlern?
Jörg Krewinkel: Wir haben mit Heinz Julen, einem Künstler aus Zermatt, gearbeitet. Bei der Umgestaltung der ehemaligen Rüsterei der Züricher Sihlpapier-Fabrik in ein Restaurant hatte er die künstlerische Leitung. Wir haben dort die Lichtplanung gemacht.

Haben Sie auch schon Ideen von Künstlern in Licht umgesetzt?
Jörg Krewinkel: Die Frage ist: wer ist Künstler? Ich will unser eigenes Schaffen nicht als künstlerisch bezeichnen, aber mit unserem großen Kreativ-Potential kommen wir dem schon sehr nahe. Wir denken in Licht als Medium, nicht als haptischer Körper. Gerade deshalb fanden wir die Geschichte mit dem Lichtbaum so spannend, denn das ist ein ganz anderer Gedankenansatz. Hier geht es in starkem Maße um die Gestalt.

An welchem Punkt kam RSL ins Spiel?
Jörg Krewinkel: Das war Teamwork. Wir hatten gewisse Grundideen zu Materialien und zur Struktur. Aus einem Betonsockel sollten sich Armierungseisen entwickeln, die sich wie Zweige ausbreiten und die Leuchten aufnehmen. Es sollte wirklich wie ein Lichtbaum aus­sehen; nicht wie ein Baum, der auch Licht spendet. Wir wollten nichts Geschöntes. Des­-
halb darf der Baum ganz bewusst Rost ansetzen. Mit RSL haben wir besprochen, was realisierbar ist und welche Leuchten wir am besten einsetzen können. Und das Unternehmen hat den gesamten Statik-Part übernommen. Beispielsweise mussten die Windlasten berechnet werden, damit nichts abknickt.

Wie konnten Sie sicher sein, dass der Lichtbaum wirklich funktioniert?
Jörg Krewinkel: RSL kennt sich mit waghalsigsten Projekten aus und hat Interesse an ungewöhnlichen Unikaten. Denken Sie nur an die Aufhängung des gigantischen Kronleuchters im Museum of Islamic Art in Doha. Das Gute ist, dass sie die Installationen im Betrieb 1:1 aufbauen.

Warum wurde die Beleuchtung nicht mit LED realisiert?
Jörg Krewinkel: Das stand zu Anfang in der Tat zur Diskussion. Wir haben­ uns aber für die wasserdichte Tubular entschlossen, weil wir das Bodenständige symbo­lisieren wollten. Leuchtstoffarmaturen werden vorwiegend in industriellen Umgebungen ein­gesetzt und wir haben es im Aeschbach Quartier mit einem ehemaligen Industriegebiet zu tun. Alle für den Lichtbaum verwendeten Materialien sind übrigens Baumaterialien. Das gibt auch eine gewisse Sicherheit in puncto Vandalismus.

Würden Sie gerne ein weiteres Kunstprojekt technisch umsetzen?
Jörg Krewinkel: Sehr gerne, denn der Austausch und die Zusammenarbeit mit Künstlern erweitert meist den eigenen Horizont. Über die Kooperation mit einem Lichtkünstler würde ich mich ganz besonders freuen.

Herr Krewinkel, ich danke Ihnen für das ­Gespräch.

Lichtkompetenz GmbH

Binzstrasse 23
8045 Zürich
Phone +41 43 888 07 07
info(at)lichtkompetenz.ch
www.lichtkompetenz.ch


FOTOGRAFIE: HG ESCH
TEXT: PETRA LASAR

PRODUKTION &
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