KIRCHE AM MEER
SCHILLIG


Wenn wir in die Höhe wollen,­
müssen wir vorher umso mehr in die Tiefe.

In Schillig, gleich fünfzig Meter hinter dem Deich, der das Land vor der rauen Nordsee schützt, realisierte die katholische Kirche den aus einem ausgelobten Wettbewerb hervorgegangenen Entwurf für ein Gotteshaus, dessen äußere materielle Festigkeit und Schwere sich im Innenraum auflöst. Hier fokussierte das Kölner Architektenpaar Ilse und Ulrich Königs mit einem subtilen Beleuchtungskonzept die Feinstofflichkeit des Lichts, das den Kirchenraum mit einer Offerte transzendentaler Erfahrung inszeniert.

»Kirche am Meer« lautete die einzige Vorgabe für den Kirchenneubau in der nordfriesischen Gemeinde Wangerland, den das Bischöflich Münstersche Offizialat Ende 2008 ausgeschrieben hatte. Mit seiner Metaphorik des Meeres überzeugte der Entwurf der Kölner Architekten Ilse und Ulrich Königs die Jury gleich im ersten Durchgang. Unter fünf Beteiligungen erreichte das Konzept den ersten Platz und wurde zur Realisierung freigegeben. 22 Monate nach Baubeginn im Jahre 2010 und damit vier Monate länger als geplant sollte es dann aber dauern, bis die Kirche ihre Bestimmung ausüben konnte. Denn das raue Nordseeklima hatte dem Bau der sakralen Stätte keine Begünstigung zuteil werden lassen und er musste sich in dem langen, kalten Winter ebenso beweisen wie die Errichtung jedes profanen Gebäudes bei extremen Wetterverhältnissen. »Bei Regen kam das Wasser eher waagerecht«, berichtet Wolfgang Göken vom Architekturbüro Göken und Henkel aus Oldenburg, das vom Bauherrn mit der Umsetzung des Entwurfs beauftragt war.

Im Februar dieses Jahres konnte die »Kirche am Meer«, die auf einer Pfahlgründung mit mehr als 23 Meter tief verankerten Bohrpfählen errichtet wurde, eingeweiht wer­den. »23 Meter! Das ist mehr als die Höhe der neu erbauten Kirche«, betont Weihbischof Timmerevers in der im dialogverlag erschiene­nen Dokumentation »Kirche am Meer« und schlussfolgert: »Ins Geistliche und auf unsere Kirche insgesamt übertragen: Wenn wir in die Höhe wollen, müssen wir vorher umso mehr in die Tiefe.«

Wie weit Ilse und Ulrich Königs bei ihren Überlegungen zum Entwurf der Kirche am Meer im übertragenen Sinn mit feinem Gespür in die Tiefe gegangen sind, ist bei dem Neubau allgegenwärtig. »Die Festigkeit und Schwere des dunklen Ziegels sollen sich verbinden mit der Dynamik und Leichtigkeit der geschwungenen Form«, erläutern die im Bau und der Neugestaltung von Kirchen erfahrenen Architekten. »Im Inneren wechselt die Materialität, der Raum befördert durch eine Konzentration auf das Wesentliche die angestrebte Transzendenzerfahrung.«

Umgeben von einem kubischen Sockelbau, der den überdachten Eingang, einen Beichtraum und weitere Funktionen umschließt, schwingt sich der Kirchenraum auf einem Grundriss in der Form eines durch Rundungen modifizierten Kreuzes wellenförmig zu einem 22 Meter hohen Glockenturm empor. Die Tei­lung des Roten Meeres will einer der 116 Einwohner Schilligs in der geschwungenen Form erkennen, während andere sie als »Arche startklar« oder »die perfekte Welle« bezeichnen, weiß Pfarrer Lars Bratke zu berichten. »Ein Jugendlicher hat das Bauwerk als Gottes half pipe bezeichnet. Das fand ich sehr kreativ. Daran merkt man, dass die Leute mit der Architektur arbeiten.« Unabhängig davon, welche Bezeichnung die Kirche auch immer bekam, und noch bekommen mag, wenn in der Saison zahlreiche der 1,2 Millionen Schillig-Touristen auf Europas größtem Campingplatz sie aufsuchen werden, lässt sich bereits heute sagen, dass die Architektur für hohe Aufmerksamkeit sorgt.

»Das alles sind Momente, als wären sie draußen aus der Landschaft mit hier rein ge­nommen worden«, beschreibt Urlauber-Seelsorger Lars Bratke die Gestaltung des Innenraums, die auf jedes Dekor verzichtet­ und sich auf die liturgisch wichtigsten Orte – den Ambo, das Taufbecken und den Altar – konzentriert. Vom Ehepaar Königs mit klarer Formen­sprache und reduzierter Material­auswahl gestaltet, integrieren sie sich har­monisch in die insgesamt zurückhaltende Kirchengestaltung. Ein sandfarbener, besonders sorgsam ausgeführter Wandputz, ein dunkler, lichtabsorbierender Bodenbelag aus Muschelkalk sowie im Halbrund um den Altar angeordnete Kirchenbänke aus heller, gekälkter Eiche setzen einen Kontrapunkt zu den geschlossenen Außenfassaden, die mit dunklen, gedämpften Klinkern im Oldenburger Format verkleidet sind.

Die Kunstlichtbeleuchtung wurde mit dem Baukörper verwoben.
»Hier fällt der Himmel tagsüber direkt in die Kirche. Dadurch gelangt ein wunderbares, helles Tageslicht in den ganzen Kirchraum«, setzt Lars Bratke seine Beschreibung des Innenraums fort. ­Realisiert wurde diese natürliche Beleuchtung in dem fensterlosen Kirchenraum mittels einer Glashaut, die sich als transparente äußere Hülle über die wellenförmige Dachkonstruk­tion legt. Statt einer geschlossenen Decke wurden unterhalb der querachsigen Dach­träger durchgehend transluzente weiße Bänder montiert, deren Konturen nicht parallel, sondern – zur Lenkung des Tageslichts – mit regelmäßiger Abweichung geschnitten sind. Durch die Geometrie des Baukörpers wird das durch die Fugen der Bänder über das Glasdach einfallende Licht auf dem inne­ren Wandverlauf wellenartig moduliert und verändert im Tages- und Jahresverlauf ständig seine Erscheinungsform. Der Einsatz weniger blauer Glaselemente in Teilbereichen der Dachhaut lässt diese Lichtdynamik noch lebendiger werden und entrückt den Raum der Alltäglichkeit der Wahrnehmung.

150 passgenaue Module mit einer Länge von jeweils zwei Metern gruppieren sich zu den 21 Deckenbändern, die teilweise eine Länge von 20 Metern erreichen und mittels T5 Seamless-Leuchtstofflampen bei Dunkelheit die Funktion der Grundbeleuchtung übernehmen. »Die künstliche Beleuchtung wurde mit dem Baukörper gleichsam verwoben«, erläutert die Kölner Lichtplanerin Anette Hartung, die schon seit vielen Jahren mit Königs Architekten zusammenarbeitet und immer wieder von deren individueller Definition der Lichtplanung fasziniert ist, das Kunstlichtkonzept. »Die Wirkung des transluzenten Materials der Bänder, die in ihrer Doppelfunktion auch Lichtbänder sind, wird erst mit dem Einschalten des Kunstlichts im Innenraum sichtbar. Während des Tages sollen sie als ge­schlossene Fläche erscheinen. Die Wirkung des Tageslichts steht dann im Vordergrund. Erst am Abend sollen sich die Strukturen des Kunstlichts zeigen.«

In mehreren Workshops in Sankt Augus­tin wurde ein 1:1 Modell gebaut, um der hochkomplexen Aufgabe gerecht zu werden. Neben der Konstruktion der Sonderleuchten wurden auch die Wirkung und Ausgestaltung der Dach­ebenen im Detail geklärt und entwickelt. Denn zusätzlich zu der Grundbeleuchtung war auch eine blaue Hintergrundbeleuchtung des Deckenhohlraums geplant, welche die Tiefen­wirkung zwischen Deckenuntersicht und Glas­dach betonen und auf die Öffnung zum Himmel hindeuten sollte. Für diesen Effekt wurden die Polyacrylmodule kaum sichtbar mit blauen LED-Bändern belegt, die gegen die Dachhaut strahlen und das Volumen des Hohlraums ausfüllen. »Das gibt dem Dach eine ungeheure Tiefe, eine Abstraktion«, beschreibt Anette Hartung. »Das Beleuchtungskonzept verniedlicht nicht, sondern verlangt insgesamt nach einer starken Auseinandersetzung.«

Da die Lichtbänder in unterschiedlichen Gruppen schalt- und regelbar sind, können Raumzonen – in Verbindung mit der Neigung der Decke und dem freistrahlenden Charak­­ter der gewählten Lampentechnik ­– eine be­­son­dere Hervorhebung durch Licht erfahren.­ ­Zusammen mit der indirekten, ebenfalls schalt- und regelbaren blauen Beleuchtung und weiteren Beleuchtungskomponenten im Raum kann die Kirche mit spannenden Licht­szenarien bespielt werden.

Während der Entwicklungs-, Konstruktions- und Fertigungsphase war Präzision das oberste Gebot, damit sich die planen Module trotz physikalisch bedingter Ausdehnung des Materials, das in Sankt Augustin natürlich diversen Wärmetests unterzogen wurde, problemlos in die Neigung der Decke und die runden Konturen des Baukörpers fügten. »Ohne ein 3D-Aufmaß wäre dieser Balanceakt undenkbar gewesen«, sagt Anette Hartung.

Bei der Montage, die von einem RSL Team begleitet wurde, sollte sich zeigen, dass sich der Aufwand gelohnt hatte. Eine von vielen Herausforderungen bestand darin, die passgenauen Module, die jeweils 50?kg schwer sind, auf dem Baugerüst mit Körperkraft hoch­zuziehen, um sie dann an speziell konstruierten Haltebügeln aufzuhängen und zu justieren.

Den ungeheueren Aufwand, den insbesondere das Tages- und Kunstlichtkonzept erforderte, lässt die »Kirche am Meer« heute in keinem Detail erkennen. In ihrer norddeutschen Schlichtheit, wie Pfarrer Bratke es formuliert, wirkt sie so leicht und selbstverständlich, dass man als Besucher keine Ablenkung durch Erklärungsversuche erfährt. Man kann sich voll und ganz der Wirkungskraft dieses Gotteshauses hingeben, das sich­ mit seiner feinsinnigen Verwebung aus Architektur und Licht der Alltäglichkeit der Wahrnehmung entzieht und das Angebot trans­zen­dentaler Erfahrung offeriert.


 

  Königs Architekten
  Maybachstraße 155
  50670 Köln

  www.koenigs-architekten.de

 

  Lichtplanung A. Hartung
  Sülzburgstraße 232
  50937 Köln

  www.lichtplanung-hartung.de

 

FOTOGRAFIE: HG ESCH

PROJEKTÜBERSICHT SONDERLEUCHTEN